Badische Neueste Nachrichten 29./30. Mai 1999

Donizetti in zartem Glitzerwerk

Festspiele Baden-Baden: Liederabend mit Edita Gruberova

Von Rolf Fath

Das Beste kam, wie bei Liederabenden der internationalen Sängerprominenz leider meist, erst am Schluss. Dann riss Edita Gruberova das Baden-Badener Festspielpublikum mit einigen ihrer Showpieces zu heller Begeisterung hin. Zuerst mit Eva Dell'Acquas Villanella, worin sie mit unfehlbarer Technik demonstrierte, dass sie auch als wahrscheinlich dienstälteste Zerbinetta nicht von ihrer stubenden Virtuosität, Flexibilität und den üppig, tragfähigen Spitentönen verloren hat. In dem neapolitanischen Lied brannte sie ein Feuerwerk vokaler Zierfiguren, von Trillern und Fiorituren ab, deren spielerische Leichtigkeit die Zuhörer in ihren Bann schlug.
Das galt dann auch für Lindas Cavatina aus Donizettis später "Linda di Chamounix", bei deren "o Luce di quest' anima", einem Lieblingsstück aller Koloratursopranistinnen, sie nicht nur mit brillanten Kadenzen, weich aus dem Pianissimo entwickelten Schwelltänen und dem zartesten Glitzerwerk aus ihrem vokalen Schatzkästchen aufwartete, sondern auch mit unabdingbaren Zwischentönen verwähnte, die der Rolle die nötige Morbidezza verleihen. Kabarettistische Allüren entwickelte Edita Gruberova dann in Carl Millöchers "Ach, wir armen Primadonnen", einer selbstironischen, etwas klamaukig unkontrolliert geratenen Nummer, wobei sie auch mit den den silbrig strahlenden, unerschütterlichen Spitzentönen triumphierte. [...]
Heimatlichen Boden unter den Füßen fühlte sie offenbar bei Antonin Dvoráks Zigeunermelodien, die sie nicht auf deutsch, sondern in der tschechischen Tückübersetzung sang, und wo man am ehesten vermuten konnte, dass ihr der Liedgesang eine Herzensangelegenheit bedeutet.






Badisches Tagblatt Kultur, 29. Mai 1999

Begeisternd: Edita Gruberová gastierte im Baden-Badener Festspielhaus

Eine makellose Stimme, Ausstrahlung und Humor

Von Anja Schlenker-Rapke

Sie kam, sang und siegte: Edita Gruberova, die Königin der Koloraturen und Meisterin perfekter Stimmbeherrschung. [...]
"Der tragische Schubert" war der erste Programmteil dieses Konzertes überschrieben und enthielt Lieder, die aus unterschiedlichenstem Blickwinkel die Facetten der menschlichen Seele ausleuchteten. Eine zentrale Stellung nahmen hierbei zwei Frauengestalten aus Goethe-Dramen ein: Klärchen aus "Egmont" und Gretchen aus "Faust". "Klärchens Lied" und "Gretchen am Spinnrade" stellten den geistigen und musikalischen Mittelpunkt der Liedfolge dar, von dem aus Edita Gruberova ihre weiten Ausdrucksbögen spannte. [...]
Der Klavierpart, bei Franz Schubert aus der reinen Begleitfunktion zum Stimmungsträger erhoben, erhielt durch Friedrich Haiders hochsensible, technisch ausgefeilte Gestaltung die ihm gebührende Bedeutung. Als Ehemann und ständiger Klavierbegeliter Gruberovas ist er Teil einer kongenialen künstlerischen Gemeinschaft, die diese Art der Liedkunst in Vollendung erst ermöglicht. [...]
"Ah, wir armen Primadonnen" von Millöcker setzte [...] den glamourösen Schlusspunkt: ein parodistisches Meisterstückchen aberwitziger Vokalartistik, vollendet gesungen von einer wahren Primadonna assoluta, die [...] ihre makellose Stimme, ihre natürliche Ausstrahlung und ihren Humor bewahrt hat.






Stuttgarter Neueste Nachrichten31. Mai 1999

Die Königin der Koloraturen

Von Nike Luber

Wenn weltberühmte Opernstars Liederabende geben, ist das meist ein schlechtes Zeichen. Die einen kommen nach lebenslangem Wagner nicht mit der kleinteiligen Liedform zurecht, die anderen haben mit beschädigter Stimme das Ende ihrer Karriere erreicht. Nicht so Edita Gruberova. Sie behauptete in ihrem Liederabend bei den Pfingstfestspielen in Baden-Baden ihren Rang als Königin der Koloraturen. [...]
Aus den fast unüberschaubar vielen Schubert-Liedern hat die Gruberova gezielt diejenigen ausgewählt, die ihrer Stimme und ihrem Naturell liegen. Es gelang ihr hervorragend, die innere Unruhe und ekstatische Verliebtheit des "Gretchen am Spinnrade'' darzustellen, überzeugend auch ihre Interpretation des Miniaturdramas in drei Strophen "Die Forelle''. "Der Hirt auf dem Felsen'', großformatiger und abwechslungsreicher komponiert, bot der Sängerin eine bewegte musikalische Linie, die sie zu großer Schönheit entfaltete. Der besondere Reiz dieses Stückes liegt in dem Duettieren von Singstimme und Klarinette, die das Echo auf die Rufe des Hirten imitiert. Der Klarinettist Alain Toiron spielte seinen virtuosen Part mit einer erlesen runden Tongebung, während Edita Gruberova dem Duettieren musikalische Inspiration verlieh.